Heilig Abend – nix wie weg!
Predigt zum Dezember - GoSpecial in Pöttmes 1999
von Pfarrer Horst Schall

Gibt es bei Ihnen an Heilig Abend auch dieses seit den Tagen der Welterschaffung festgelegte Ritual? Mutter steht schwitzend in der Küche und flucht leise vor sich hin. Vater ist für das gerade Aufstellen des Baumes verantwortlich und versagt nach Mutters Meinung wieder mal völlig. Natürlich passt das Ding wieder nicht in den Ständer und nach 30 - minütigem Sägen ist das Wohnzimmer zu einem Nadelfriedhof geworden. Oma und Opa kommen mit ihren traditionellen Weihnachtsgesichtern, und es wird jedes Jahr dieselbe Weihnachts - CD aufgelegt, die man, wenn sie im Radio liefe, sofort abschalten würde. Dann läutet Mama, und es geht ins Wohnzimmer. Frohe Weihnacht! Schöne Bescherung!






Wer da weg will, ist kein Kulturbanause, sondern der plant einen Ausbruch aus einem neuzeitlichen Kerker. Für nicht wenige ist Weihnachten die Zeit, in der sie all die Menschen sehen müssen, denen sie ein Jahr lang geschickt ausgewichen sind, in der sie so ganz anders, friedlicher, freundlicher, besinnlicher tun müssen, als sie eigentlich sind. Die Zeit, wo man so tut, „als ob“!
Wie schön ist dabei die Karibik – könnte man meinen, meinen auch viele. Deshalb gleich zu meiner ersten – vielleicht ernüchternden - These:

1. Eine Flucht ist unmöglich!
Es gibt kein Entrinnen. Weihnachten entkommt man nicht. Versuchen sie mal , es ausfallen zu lassen. Es funktioniert nicht. Hier ein paar Fluchtwege, die aber im Letzten nur Holzwege sind:

a) Wir schenken uns nichts mehr! Klappt nicht, wetten? Und Weihnachten sind sie dadurch nicht entkommen, ganz zu schweigen von dem emotionalen Stress, der Schwester oder der Patentante klar zu machen, dass das mit dem „Nicht-mehr- Schenken“ überhaupt nichts mit ihr persönlich zu tun hat.
b) Wir fliegen in die Karibik! Wer dem Fest in Tunesien, Südspanien oder in der Karibik entkommen will, wird oft auf grausame Weise eingeholt; viele haben niemals kitschigere und schleimigere Weihnachten erlebt: Mit Watte behängte Plastiktannen. eine spanische Truppe, die schauderhaft „Laise rieselt der Schnee“ singt, und ihre Tischnachbarn in Dreisterne - Hotel waren aus Rosenheim. Danke!
Noch ein unangenehmer Nebeneffekt der Karibik - Variante: Jemand hat mir mal gesagt, wo er war, irgendwo in der Welt, gab´s kein „richtiges“ Weihnachten, – und seither ist sein innerer Rhythmus aus dem Takt geraten. Weihnachten hat wohl auch viel mit unserer inneren Jahres - Uhr zu tun.
c) Nach der Bescherung gehen wir in die Kneipe, Disco, usw... Viele kippen oder dröhnen sich zu. Nie sind so viele Menschen mit einer Fahne in der Kirche als am  Heiligen Abend. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Besoffener Weihnachten entkommt.
d) Die Schimpfer - und Miesmacher-Masche:
Schimpfen auf den Werberummel, süffisantes Lächeln oder beißender Zynismus machen die schönste Stimmung madig; aber Weihnachten ist stärker, garantiert!

Wenn eine Flucht nicht gelingt, dann ist das aber auch gar nicht so schlimm. Denn: Immer wenn wir spüren, da läuft etwas nicht rund, und wir wären am liebsten ganz woanders, dann ist das sehr ernst zu nehmen, dann sind wir an etwas ganz Wichtigen dran sind. Deshalb also nicht: nix wie weg!, sondern: nix wie hin – schauen!
Davonlaufen tun viele von uns, aber wer vor etwas davonläuft, der kommt niemals an. Ich bin überzeugt, dass das nicht nur für Weihnachten, sondern für unser ganzes Leben gilt: Glückliche Menschen laufen auf etwas zu, unglückliche laufen vor etwas davon. Die einen haben ein Ziel, die anderen haben Angst. Die einen sind für etwas, die anderen sind gegen etwas.
Wenn sie Weihnachten neu erleben wollen, schimpfen sie nicht drüber, laufen sie nicht weg, sondern schauen sie mal, was da genau abläuft, und ob Sie eigentlich wissen, was sie suchen und wollen, oder ob sie nur wissen, was ihnen nicht passt und was sie absolut nicht wollen.
Schauen wir deswegen mal genauer hin: Was macht uns Weihnachten, das schönste aller Feste,  manchmal so schwer?
 

2. Christkind & Co.
Sie glauben, das ist alles übertrieben. Dann machen Sie bitte einen Test: Versuchen Sie gleich morgen ihrer Schwiegermutter klarzumachen, dass dieses Jahr leider das traditionelle Weihnachts – Gans - Essen bei ihr ausfallen muss, weil sie mit ihrer Familie etwas anderes vorhaben. Beobachten Sie dabei genau ihr Gesicht und ihre Körpersprache....
Woher kommt dieser starke Gefühlsüberschwang bei vielen an Weihnachten?
Meistens liegen für so etwas in unserer Kindheit. Fast jeder von uns ist in seinen prägenden, ersten Lebensjahren mit einem ganz besonderen Glauben aufgewachsen, mit dem Glauben an´s Christkind oder den Nikolaus.
Es ist so schön für Kinder, daran zu glauben, so hört man landauf landab. Das darf man ihnen nicht nehmen.
Aber das hat Folgen, schwerwiegende Folgen: Irgendwann kommt natürlich jeder dahinter, wies sich das nun in Wirklichkeit verhält, mit dem Christkind.
Man sollte es nicht unterschätzen: für den Glauben eines Kindes ist gerade im „Christkind“ Gott selber ganz nahe. Ein Kind glaubt wie sonst nie, daß Gott oder die „himmlische Welt“ ihm im „Christkind“ begegnet, daß der Himmel ganz weit in seine kleine Kinderwelt hinein reicht, dass es diesen himmlischen Mächten unendlich wichtig ist. Selbst Wünsche, die nur der Oma im Geheimen anvertraut wurden, werden vom himmlischen Christkind erfüllt.
Wenn die Wahrheit bei einem Kind dämmert,  dann kann der erste Vertrauensbruch in der Glaubensentwicklung eines Kindes passieren. Das passiert nicht bewußt. Es passiert unbewußt, ganz tief im Kind, und diese Dinge sind deshalb auch so mächtig. Die so fest geglaubte Verbindung mit Gott hat sich in den Augen des Kindes schlichtweg als falsch erwiesen.
Natürlich würde ein Kind so etwas nie so sagen, aber es macht genau diese Erfahrungen. Und bei manchem Kind bahnt sich schon früh die zweifelnde Frage an: „Ob es den Gott dann wirklich gibt, weiß ich auch nicht so genau“ – so hat es mir mal eine Konfirmandin allen Ernstes gesagt.
Es ginge aber eigentlich darum, bei einem Kind eine Beziehung zu Jesus aufzubauen, und nicht zum Christkind, einer Beziehung, die geprägt ist von Liebe, Geborgenheit, Offenheit und Vertrauen. Leider können viele Eltern das aber nicht, weil sie selber diese Beziehung zu Jesus nicht haben. Für die meisten Kinder ist deshalb der Gaube an das Christkind die einzige wirklich bewegende Erfahrung, wo sie Gottes Macht und Liebe ganz nah erfahren. Und daneben wird fast nichts Gleichwertiges gesetzt.
Und so bleibt, nach dem diese Beziehung zum Himmel über das Christkind sich als Trugschluß entpuppt hat, an dieser Stelle im Kinderherzen eine Leere, ein Vakuum, das im schlimmsten und leider auch im Normalfall nie mehr gefüllt wird.
Und deswegen sitzen gerade am Heiligen Abend viele Erwachsene in unseren Kirchen und sie suchen diese direkte, unmittelbare Nähe zu Gott, dieses Gefühl des Vertrauens, des „Wichtig – genommen – werdens“ von Gott, das sie aus ihrer Kindheit kennen und sie finden es so nicht mehr, denn sie sind keine Kinder mehr und da gibt es kein Christkind mehr und kein Heilig – Abend – Herzklopfen mehr, nur noch diesen „Jesus“, aber der hat nie diese Wichtigkeit in ihren Kinderherzen erlangt wie das Christkind. Nie. Und es bleibt nur ein Gefühl der Enttäuschung. Alle Jahre wieder.
Und so kommt es, dass viele sich so viel erhoffen von Weihnachten, aber schon Silvester wollen sie nichts mehr davon hören. Schnell raus mit dem Baum, er nadelt schon.
Und noch ein zweiter Grund, was das schönste aller Feste manchmal so schwer macht:
3. Das „Self – made – Weihnachten“
Heute macht jeder alles selber. Alles in OBI. Und ganz im Trend der Zeit versuchen wir, Weihnachten auch „selber zu machen“
Auf Gedeih und Verderb machen wir einen auf Friede und Freude, verbreiten wir „Weihnachtsstimmung“. Wir versuchen, Weihnachten mit allen Mitteln „herzustellen“. Friede, Verständnis und Liebe sollen herrschen auf Erden. Leider klappt das zwischen Onkel Adolf und Oma Elfriede genauso wenig wie zwischen Serben  und Kroaten.
Die Welt verwandelt sich nicht wie im Märchen – durch unsre Bemühungen.
An Weihnachten versuchen viele etwas, was nüchtern betrachtet in die Hose gehen muss: Sich nämlich selber etwas zu schenken. Und das geht eben nicht.
Ein Geschenk erhält dadurch seinen Wert, dass es vom andern kommt, - ein Beweis der Liebe und Wertschätzung des anderen für uns. Das ist ein Geschenk. Und das kann man sich nicht selber geben. Wir können uns allenfalls etwas gönnen, aber schenken, überraschen, mit Liebe und Aufmerksamkeit, das kann uns nur ein anderer.
Und Weihnachten kann man mit einem Geschenk vergleichen, und das heißt: Gar nichts in obi, kein Self – made – Weihnachten, klappt nicht mal mit dem neuen „free and easy Christmas – Set“ von e – plus und nicht mit der schönsten Weihnachts – CD. Eigentlich kann ich überhaupt nichts dafür tun und es schon gar nicht selber machen, ich kann mich nur beschenken lassen, mich freuen, mich bedanken.


4. Das eigentliche Weihnachts - Geschenk

Weihnachten als Geschenk? Von wem eigentlich? Und warum? Was kommt raus, wenn wir es auspacken? Was steckt in der Verpackung?
Was bedeutet Weihnachten wirklich? Im Johannesevangelium heißt es einmal: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergegeben hat (Johannesevangelium 3, 16).
Das ist der Inhalt dieses Geschenkes. Das kommt raus, wenn wir es auspacken, reinschauen. Das ist der Grund zum Feiern und sich freuen: Gott liebt diese Welt. Und wenn sie auch oft so gottverlassen und dunkel aussieht, wenn sie auch noch so entstellt ist durch menschliche Gewalt und Gier, Gott hat uns nicht im Stich gelassen.
Er hat in seiner Liebe etwas getan, was kein Mensch tun würde: Er hat seinen Sohn, sein geliebtes, einziges Kind in diese Welt geschickt, obwohl er genau wußte, wie er enden wird, was sie ihm antun werden. Aber seine Liebe zu uns war größer und stärker als all das, was er leiden und aushalten musste.
Weihnachten heißt: Wir sind für Gott ganz wichtig, kostbar und wertvoll wie seltene Edelsteine. Wenn Gott sich auf den mühseligen und beschwerlichen Weg zu uns gemacht, in diesem Kind in der Krippe, in diesem Zimmermann aus Nazareth, dann müssen wir Menschen Gott ungeheuer wichtig sein.
Wenn er sich entschlossen hat, alles mit uns teilen, Lachen und Weinen, Glück und Trauer, Freude und Schmerz, wieviel muss ihm an uns liegen.
Nicht nur die schönen Seiten unseres Lebens, nein gerade die schlimmen Seiten wollte er mit uns teilen: die ganze Tiefe menschlicher Schmerzen, die Sinnlosigkeit der Gewalt, die Schwärze der Trauer, das Ende aller Hoffnung, den Tod, all dem ist er nicht ausgewichen, sondern hat es auf sich genommen, um bei uns zu sein.
Wieviele Menschen wären bereit, auch nur annähernd ähnliches für uns zu tun?
Weihnachten heißt: Gott läuft uns nach. Er ist sich nicht zu schade dazu gewesen, uns nachzulaufen, obwohl ihm die Menschen bis heute immer wieder den Rücken zugekehrt haben, obwohl sie ihm ins Angesicht geflucht haben, obwohl sie ins einem Namen gemordert und sich bereichert haben, obwohl sie seine Wohltaten und Segnungen im besten Fall schnell wieder vergessen, im schlimmsten Fall mit Füßen getreten haben. Er ist uns nachgelaufen, mit diesem Kind, diesem Mann Jesus.
Gott war sogar bereit, sein Gesicht zu verlieren. Er hat auf alle Macht und Größe zu verzichtet, dreckig, provinziell und armselig ist er auf diese Welt gekommen, runzlig und rot lag er zwischen Marias Schenkeln. ohne alle Zeichen von Macht und Würde.
Und dieser Jesus hat sich gebückt, ganz tief. ER war sich nicht zu hoch für die  Huren und Loosern, für die Ausbeuter und die von Hass und Angst Zerfressenen, weil sie ihm unendlich wichtig waren.
Wieviele Menschen wären bereit, ähnliches für uns zu tun?
Haben wir dieses Geschenk verdient? - Wer sich ehrlich anschaut, wird nur eine Antwort finden: Nein. Keiner hat sich das verdient.
Das ist Gottes Geschenk. Ein Geschenk, freiwillig, ohne Hintergedanken, allein aus Liebe gegeben und unbezahlbar: Weihnachten. Wir können uns das nicht selber machen. Und es gibt nur eine Antwort auf das, was Gott getan hat: Es annehmen und sich freuen und feiern.
Ich wünsche Ihnen, uns allen: Frohe Weihnachten!
Amen.
P.s.: Wenn Sie Fragen zu dieser Predigt haben, versuche ich gerne, sie  zu beantworten:
Evang. Pfarramt Ludwigsmoos, Ludwigstr. 145, 86669 Ludwigsmoos Fax. 08433 – 920078 ;
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